{"id":97,"date":"2017-08-10T13:23:20","date_gmt":"2017-08-10T11:23:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.vornheder.de\/?p=97"},"modified":"2017-08-10T13:23:20","modified_gmt":"2017-08-10T11:23:20","slug":"provokative-therapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/vornheder.de\/?p=97","title":{"rendered":"Provokative Therapie"},"content":{"rendered":"<p>Der Ursprung der provokativen Therapie liegt in den USA, der Begr\u00fcnder Frank Farrelly beginnt diese Methode schon w\u00e4hrend seiner Studienzeit 1956 zu entwickeln.<\/p>\n<p>Farrellys Ausbildung orientiert sich an der Lehre Freuds, die Farrelly selbst als \u201eFreudsches Evangelium\u201c bezeichnet. Mit dieser Grundlage erkennt er in einer Phase des klinischen Trainings seine pers\u00f6nlichen Grenzen. Farrelly hat in der Arbeit mit seinen Klienten nicht die Erfolge die er sich erhofft hat, sein Supervisor warnt ihn sogar davor, seine Gegen\u00fcbertragungsgef\u00fchle Oberhand gewinnen zu lassen.<!--more--><\/p>\n<p>Kommilitonen motivieren Farrelly dazu Carl Rogers Buch \u201eKlientenzentrierte Therapie\u201c zu lesen, die er als ihre Bibel bezeichnet. Zun\u00e4chst ist er wenig beeindruckt, h\u00e4lt Rogers f\u00fcr furchtbar oberfl\u00e4chlich und weit entfernt vom \u201eFreudschen Evangelium\u201c mit wenig Tiefe, erst als er sich mit verschiedenen Gespr\u00e4chsprotokollen auseinandersetzt, findet er Begeisterung und beschlie\u00dft f\u00fcr sich diese Methode anzuwenden.<\/p>\n<p>Nach einem ersten Therapiegespr\u00e4ch ist er begeistert dar\u00fcber, dass er zum ersten Mal versteht wie die Dinge vom Standpunkt seiner Klientin aus aussehen. \u201eEs war eine sehr erschreckende, gleichzeitig aber auch ermunternde Erfahrung, in die Welt eines anderen Menschen einzutreten, in welcher H\u00f6lle oder \u201eEcke des Universums\u201c sie auch immer wohnte [&#8230;], und Menschen, Pl\u00e4tze, Dinge, Gef\u00fchle und Verhaltensweisen aus ihrem Blickwinkel zu sehen. Hierdurch wurde ihr Verhalten sinnvoll.\u201c<\/p>\n<p>Ab 1959 macht Farrelly zun\u00e4chst unbeabsichtigt erste Erfahrungen mit der Provokation. In einem Gespr\u00e4ch mit einem anderen Sozialarbeiter \u00e4u\u00dfert Farrelly, das seine \u201eHerausplatzer\u201c und die \u00c4u\u00dferung seiner \u201eGegen\u00fcbertragungsgef\u00fchle\u201c oft hilfreich f\u00fcr seine Klienten seien.<\/p>\n<p>Als er 1961-1963 in einem Projekt von Rogers mitarbeitet, bemerkt er, \u201edass die passivere, mehr aufnehmende Rolle des Therapeuten\u201c nichts f\u00fcr ihn sei. Diese ersten Erfahrungen mit der Provokation bringen Farrelly dazu seine eigenen Reaktionen in eine Behandlungsform einzubringen, die er als \u201eemotionale Ehrlichkeit\u201c bezeichnet. Er stellt fest, dass seine \u201eEhrlichkeit\u201c so etwas wie Unglauben und seine \u201eL\u00fcgen\u201c etwas wie Glauben bei seinen Klienten ausl\u00f6st. Als er sich um 1964 mit einer Praxis niederl\u00e4sst macht er sich gro\u00dfe Sorgen um m\u00f6gliche Prozesse die ihm Klienten androhten. Dazu ist es aber nie gekommen.<\/p>\n<p>1966 wird er von Randy Parker dazu motiviert seiner Therapieform einen Namen zu geben. Verschiedene Namen wie \u201eProtesttherapie\u201c, \u201eNecktherapie\u201c, \u201eSchmutztherapie\u201c, \u201eS\u00fcndtherapie\u201c stehen zur Debatte, bei einem weiteren Vorschlag \u201eprovokative Therapie\u201c macht Farrelly sich zun\u00e4chst Sorgen, dass dieser Name mit Sex, oder sexueller Provokation in einen Kontext gebracht werden k\u00f6nne, wendet ihn aber sp\u00e4ter f\u00fcr seine Methode an.<\/p>\n<p>F\u00fcr seine Methode der provokativen Therapie trifft Farrelly folgende Annahmen:<\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen gibt es viele Wege sich anzupassen respektive sich zu ver\u00e4ndern. In diesem Kontext ist es eine wichtige Methode ihn vor eine Herausforderung zu stellen der er nicht ausweichen kann. In diesem Sinn ist es die Aufgabe des Therapeuten ihn gen\u00fcgend herauszufordern, dazu zu provozieren neue Verhaltensmuster zu benutzen. \u201eEiner der charakteristischen Z\u00fcge der provokativen Therapie ist die Art, wie der Therapeut die Vermeidung des Patienten nicht duldet, auch nicht beim ersten Kontakt.\u201c<\/p>\n<p>Der provokative Therapeut nimmt den Standpunkt ein, dass Menschen f\u00fcr ihr Handeln und Denken verantwortlich zu machen sind. Es wird ihnen abgesprochen ein \u201eblindes, hilfloses, v\u00f6llig festgelegtes Opfer eines Unbewussten\u201c zu sein. Die grunds\u00e4tzliche Annahme f\u00fcr die provokative Therapie ist, dass das Individuum f\u00fcr sein Verhalten verantwortlich zu machen ist, dieses aber gleichzeitig ein sehr schwieriges Eingest\u00e4ndnis f\u00fcr den betreffenden Menschen ist. Belegbar ist das mit dem guten Beispiel aus der ostwestf\u00e4lischen Redensart: \u201eWenn der Bauer nicht schwimmen kann, dann liegt das an der Badehose\u201c.<\/p>\n<p>Eleonore H\u00f6fner bringt das in ihrem Kapitel \u201eDer m\u00fcndige Klient\u201c mit einer \u00dcberschrift auf den Punkt, \u201eSelbstverantwortung statt Opfermentalit\u00e4t\u201c.<\/p>\n<p>Klienten \u00e4ndern sich nicht, weil sie es nicht wollen. Wenn sie sich entscheiden es zu wollen, k\u00f6nnen sie sich auch ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Verhalten eines Menschen macht in seinem Kontext einen Sinn, es ist logisch und verstehbar. Wenn wir ihn nicht verstehen, haben wir noch nicht alle Informationen die daf\u00fcr notwendig sind.<\/p>\n<p>Es ist f\u00fcr den Klienten hilfreicher als \u201eein unechtes, verkrampftes Annehmen\u201c, wenn wir ehrlich zu ihnen sind, auch wenn das in einem zur\u00fcckweisen m\u00fcndet.<\/p>\n<p>\u201eDie bedeutendsten Botschaften zwischen Menschen sind nicht sprachlicher Natur\u201c, eine wesendliche Rolle spielt die nonverbale Kommunikation.<\/p>\n<p>Farrelly h\u00e4ngt dem noch zwei zentrale Hypothesen an.<\/p>\n<p>\u201eDie erste Hypothese richtet sich an die Einstellung des Patienten, sich selbst gegen\u00fcber, seinem Selbstkonzept: Wenn er von dem Therapeuten provoziert wird [&#8230;], tendiert der Patient dazu, sich in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen und zwar genau entgegengesetzt der Definition, die der Therapeut von dem Patienten als Person gegeben hat.<\/p>\n<p>Die zweite Hypothese zielt auf das offene Verhalten des Patienten: Wenn er provokativ von dem Therapeuten dazu gedr\u00e4ngt wird [&#8230;], seine Selbstverteidigung und sein eingeschr\u00e4nktes Verhalten fortzusetzen, dann wird der Patient dazu neigen, sich auf sein eigenes sich selbsterweiterndes und den anderen f\u00f6rderndes Verhalten einzulassen. Das f\u00fchrt sehr viel direkter an die gesellschaftliche Norm heran.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Farrelly selbst ist die provokative Therapie eine \u201efundierte Methode\u201c die allerdings nicht ausschlie\u00dflich aus Provokation besteht sondern viele andere Techniken wie zum Beispiel Konfrontation oder offene Fragen mit einbezieht. Wesentlich f\u00fcr die provokative Therapie ist ebenso wie in anderen psychotherapeutischen Schulen, dass der Therapeut den Klienten annimmt. Ein weiteres wichtiges Merkmal besteht darin, dass der Therapeut die wichtigsten Man\u00f6ver des Klienten wie L\u00fcgen, Rationalisieren und Erfinden beherrschen muss um sie im therapeutischen Sinn strategisch zu nutzen. Hier geht es darum das Verhalten des Klienten zu Spiegeln, zu \u00fcberzeichnen oder gar als Paradoxie einzusetzen.<\/p>\n<p>Soviel zu der Herkunft und den Grundlagen der \u201eprovokativen Therapie\u201c, Eleonore H\u00f6fner die Begr\u00fcnderin dieser Methode in Deutschland formuliert etwas bescheidener, sie spricht von einem \u201eprovokativen Stil\u201c. Bei meinen Recherchen bin ich immer wieder \u00fcber einen solchen Stil in den verschiedenen Zusammenh\u00e4ngen gestolpert. Der provokative Stil im kurzen ProSt genannt wird in den unterschiedlichsten Bereichen angewandt, provokatives Coaching, provokative Gespr\u00e4chsf\u00fchrung, provokative Therapie, aber auch in unserer Alltagskommunikation haben viele von uns schon erlebt, dass etwas v\u00f6llig \u00fcberzeichnet dargestellt und mit einem Augenzwinkern oder Rippensto\u00df begleitet wird. \u00a0Eleonore H\u00f6fner hat den provokativen stil in Deutschland etabliert, Interessant in diesem Kontext ist, dass die Gespr\u00e4chsprotokolle in der Literatur von Farrelly und H\u00f6fner voneinander abweichen. Da wo wir den Stil von Frank Farrelly als sehr extrem wahrnehmen k\u00f6nnen, werden wir bei Eleonore H\u00f6fner in einem anderen kulturellen Kontext, eine gem\u00e4\u00dfigte Form feststellen. F\u00fcr unser Verst\u00e4ndnis von Provokation kann man mit Sicherheit sagen, der Grad der Provokation ist abh\u00e4ngig von den kulturellen Gegebenheiten eines Landes.<\/p>\n<p>Wichtig f\u00fcr diesen Stil sind das Bewusstsein f\u00fcr Glaubenssysteme beziehungsweise innere Landkarten, die Haltung des Therapeuten und sein Standort. Mit dem provokativen Stil ist der Therapeut quasi mittendrin und nicht der neutrale Beobachter oder Interviewer am Rande des Geschehens. Eine wesentliche Rolle spielt auch die Echtheit des Therapeuten, ganz besonders auch im Bezug auf seine Gegen\u00fcbertragungsgef\u00fchle. Grunds\u00e4tzlich ist der provokative Stil durch die Form der Kommunikation insbesondere der des Therapeuten gepr\u00e4gt. Mit seiner provokativen Kommunikation will der Therapeut nicht wie im Alltagsverst\u00e4ndnis von Provokation den Klienten verletzen oder beleidigen sondern vielmehr wie aus der \u00dcbersetzung vom lateinischen provocare hervorgeht etwas bei seinem Klienten herausfordern oder hervorrufen, n\u00e4mlich eine Ver\u00e4nderung seines Verhaltens. Der provokative Stil ist mit seinen Provokationen nat\u00fcrlich nicht ausschlie\u00dflich darauf aus den Klienten leiden zu lassen, dieser soll ganz gegens\u00e4tzlich in die Situation kommen \u00fcber sein altes beziehungsweise therapiebed\u00fcrftiges Verhalten schmunzeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Zur Zusammenfassung und dem Verst\u00e4ndnis des \u201eProst\u201c fasse ich hier die wichtigsten Elemente noch einmal vereinfacht zusammen:<\/p>\n<ul>\n<li>Voraussetzung f\u00fcr jede provokative Intervention ist \u201eIch mag den Klienten\u201c<\/li>\n<li>Einstieg in das Weltbild des anderen. Absurd verst\u00e4rken, dass es genau richtig ist so zu denken. Das Gegenteil ist aber auch richtig.<\/li>\n<li>90 Prozent sind Aussagen (Provokationen) des Therapeuten, nur zehn Prozent sind Fragen (provokative oder rhetorische) an den Klienten.<\/li>\n<li>Der Therapeut f\u00fchrt das Gespr\u00e4ch, er redet mehr als der Klient und unterbricht ihn.<\/li>\n<li>Der Therapeut\u00a0 \u00fcbertreibt Gedankeng\u00e4nge und \u00fcberzeichnet sie kabarettm\u00e4\u00dfig<\/li>\n<li>Der Therapeut stellt sich dumm und versteht den Klienten absichtlich zweideutig und missverst\u00e4ndlich<\/li>\n<li>Stereotypisieren, verallgemeinern, allgemeine Wahrheiten aussprechen, Wahrheiten konstruieren \u2013 Bildzeitungsschlagzeilen, Witze, Vorurteile, Schwarz-wei\u00df-Denken, M\u00e4nner-Frauen-Klischees<\/li>\n<li>Aussprechen und Konfrontieren mit den inneren Wahrheiten \u2013 Bef\u00fcrchtungen, Tabus, negative Gedanken, Geheimnisse offen legen<\/li>\n<li>Tabuisierte Szenen und Bilder gen\u00fcsslich ausmalen und Mimik, Stimme zum \u00dcbertreiben nutzen<\/li>\n<li>Sich f\u00fcr das Symptom begeistern. Die Gegenmeinung aber genauso spannend finden.<\/li>\n<li>Keine Ratschl\u00e4ge geben, h\u00f6chstens absurde.<\/li>\n<li>Geschichten und Metaphern erz\u00e4hlen.<\/li>\n<li>Nichts erkl\u00e4ren, ziellos wirken.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Herzlichen Dank f\u00fcr Euer Interesse, f\u00fcr Ver\u00e4nderungsvorschl\u00e4ge und kritisches Feedback bin ich offen und dankbar.<\/p>\n<p><strong>Litaratur:\u00a0\u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Farrely, F.\/ Brandsma, J.F.: Provocative Therapie, Meta Publications, 1974,\u00a0Cupertino California USA<\/p>\n<p>Farrely\/Brandsma, Provokative Therapie, Springer Medizin Verlag, 1986, \u00a0Heidelberg<\/p>\n<p>H\u00f6fner, Eleonore\/Schachtner, Hans-Ulrich: Das w\u00e4re doch gelacht!, Humor und Provokation in der Therapie, Rowohlt Taschenbuchverlag, 1997, Reinbeck<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ursprung der provokativen Therapie liegt in den USA, der Begr\u00fcnder Frank Farrelly beginnt diese Methode schon w\u00e4hrend seiner Studienzeit 1956 zu entwickeln. 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